Einzelne Musikstile und Instrumente

Die Musik zum Theater: Nô-Musik

Shishi aus Shakkyo
Fue: Nakatani Akira
Koruzumi: Shikimura Tetsuo
Ôtsuzumi: Kakihara Takashi
Taiko: Sashichi

Das ästhetische Gesamtkunstwerk Nô, welches aus verschiedenen Theaterformen in der Muromachi- oder Ashikaga [5] - Zeit von Zeami (1363-1443) erschaffen wurde, ist ein komplexes, hochstilisiertes und feinentwickeltes Gebilde, welches mit unserer Oper vergleichbar ist. In der Ashikagazeit, der Blütezeit der vom Zen-Buddismus beeinflussten Künste, konnte diese Theaterform, welche "zugleich so streng und rein wie ein Steingarten und so vielsagend in der Andeutung wie ein monochromes Tuschbild" [6] sei, auf grosse Unterstützung seitens der Herschenden zählen. Diese Unterstützung ging weit über das künstlerische ideelle Mäzenentum hinaus.  So wird über das Verhältnis von Zeami und seinem Gönner, dem Shogun Ashikaga Yoshimitsu, erzählt, dass sie sich nicht nur über die gemeinsame Leidenschaften für das Theater, sondern auch über das gemeinsame Nachtlager nahe kamen.

Eine Vorstellung des Nô ist ein streng ritualisierter Ablauf, der auf einer immer gleichen, sparsame eingerichteten Bühne seit Jahrhunderten immer wieder die gleichen Szenen zeigt, Das eigentliche Thema des Nô sind die Vorgänge und Zustände der Seele und des Geistes: Hass, Liebe, Sehnsucht, Angst, Leid - und gelegentlich auch Glück. Die traditionellen Komponenten des westlichen Dramas - Konfrontation, Konflikt, Charakterisierung, Selbstverwirklichung und schliesslich Lösung - fehlen im Nô. An ihre Stelle tritt der hochritualisierte Vortrag innerer Zustände, die im Verlauf des Stückes weder eine Entwicklung noch eine Auflösung erfahren; sie werden einfach beschrieben.

Die künstlerischen Ausdrucksträger sind vor allem die Masken, die Tänze und die lyrischen Texte. Die Masken, insbesonders die weiblichen, haben eine in der Theatergeschichte einzigartige Eigenschaft: sie sind zu mehr als einem Ausdruck fähig! Sie sind so geschnitzt, dass das Spiel des Lichts auf ihnen, vom Darsteller durch ein Heben und Senken des Kopfes verändert, ganz unterschiedlichen Ausdruck hervorzubringen vermag. Eine Idee, die sehr mit dem Ideal der Andeutung in der japanischen, vor allem der durch Zen beeinflussten Kunst, übereinstimmt.

Die Musik, gespielt von einem kleinen Ensemble (hayashi), bestehend aus drei Trommlern und einer Flöte, hat zwei Funktionen. Zum einen dient sie den Schauspielern als instrumentale Begleitung, verstärkt durch einen Chor und zum anderen begleitet sie die Tänze der Figuren. Unser Beispiel ist eine Begleitung zu einem Löwentanz. Auffällig sind die Rufe (ho, ja, ha) der Trommler (kagegoe). Sie dienen der Koordination der Musiker und zur Beeinflussung des musikalischen Energielevels. Je nach dem, wie die Rufe gerufen werden, wird die Musik schneller oder langsamer.  Die ausdrucksvoll gerufenen oder geschrienen Silben machen die Spannung vor den Schlägen der Trommler hörbar. Hier wird eine Haltung zum Rhythmus deutlich, welche auch in der Musik der Shakuhachi prägend ist: die rhythmische Spannung zwischen zwei erklingenden Tönen ist ein wesentliches Element der musikalischen Gestaltung. Im Nô wird diese Spannung mittels der Rufe ausgedrückt, in der Shakuhachimusik wird diese Spannung mit Stille ausgefüllt.

Die Instrumente

Das einzige Melodieinstrument im Nô-Ensemble ist die hohe, durchdringende Flöte (Nôkan). Das Instrument ist aus gut getrocknetem Bambus gefertigt, welcher längs in acht oder vierzehn Streifen aufgeschnitten und so wieder zusammengefügt wurde, dass die ehemalige Aussenseite mit der harten Rinde nun innen den Hohlraum der Flöte bildet. Diese Inside-Out-Röhre wird mit fein geschnittenen Bändern aus Kirschenrinde zusammengehalten; nur die Grifflöcher bleiben von der Umwicklung frei. Innen wird das Instrument rot lackiert, die Aussenseite ist schwarz. Gegriffen wird das Instrument mit den Fingermittelgelenken, nicht mit den Fingerspitzen. Diese Griffweise ermöglicht ein einfacheres Gleiten von den Löchern, um damit den Ton in Mikrointervallen zu modulieren. Die Flöte hat fünf Hauptfunktionen in der Musik: 1. als Signalgeber 2. als Begleitung und Tempogeberin des Tanzes 3. als Veränderin der Atmosphären in den Zwischenspielen (hayashi) 4. als Tonhöhenangeberin für den Chor und 5. zur Erhöhung der Lyrik des Hauptschauspielers in wichtigen poetischen Passagen. Sehr oft wiederholen sich die gleichen Muster; es entsteht so keine sich entwickelnde Melodie, sondern eine Stimmung, eine Atmosphäre.

Im Nô werden drei verschiedene Trommeltypen verwendet: Ko-tsutzumi, die sanduhrförmige kleine Trommel, welche mit der linken Hand auf der rechten Schulter gehalten und mit der rechten Hand gespielt wird, die grössere O-tsuzumi, welche auf dem linken Oberschenkel gehalten und mit den Fingerspitzen der rechten Hand geschlagen wird und die schon erwähnte Taiko, welche auf einem niederen Gestell am Boden ruht und mit zwei Schlegeln gespielt wird. Diese Trommeln sind Kunstwerke des Trommelbaus und haben daher auch ihren Preis. Die Trommelkörper haben aus ausgewähltem Holz zu sein, die Felle sind aus Pferdeleder (Ko-tsuzumi-auch Taiko) oder Kuhfell (O-tsuzumi), die Lackierungen innen und aussen müssen höchst kunstvoll ausgeführt werden, um den gewünschten Klang zu ermöglichen. Die Spieltechnik  der Trommeln ist äusserst ausgefeilt und ähnelt in der Differenziertheit der Klänge dem indischen Tablaspiel. Die schon erwähnten Rufe machen das rhythmische Geschehen eines Nô-Dramas zu einer höchst spannenden Perkussionsmusik, welche auch westliche Hörer in ihren Bann zu ziehen vermag.

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